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GEGEN JEDE IDEOLOGISCHE POLEMIK
Alfred M. de Zayas’ Standardwerk über die Vertreibung der
Deutschen ist in einer Neuauflage erschienen
Zu den Hinterlassenschaften des verbrecherischen NS-Regimes gehört
auch der aus vielerlei Quellen – protestantische Schuldmetaphysik,
umgebogener deutscher Idealismus, die aus kollektiver Kränkung erwachsene
moralische Selbstüberhebung der „Protestgeneration“ –
gespeiste deutsche Schuldkomplex. Im Horizont dieser schon vor „1968“
gesellschaftlich prägenden und fortschreitend staatstragenden Ideologie
scheint unbefangene, „objektive“ Geschichtsschreibung aus
deutscher Feder kaum noch möglich.
Die deutsche Zeitgeschichte steht unter den Geboten der Geschichtsmoral,
die Historie unterliegt den Realitäten der Politik, unterwirft sich
den Vorgaben der Geschichtspolitik. Es bleibt der wenig tröstliche
Gedanke, das sei in der Geschichtsschreibung, anders als Ranke meinte,
eigentlich immer so gewesen.
Beispielhaft für selektives, ideologisch zweckgebundenes Herangehen
an die schlimme Wirklichkeit war die Behandlung des primär deutschen
Themas „Vertreibung“ durch das Münchner Institut für
Zeitgeschichte. Entgegen den Ankündigungen seitens des von „Umsiedlungs“-Konzepten
belasteten Theodor Schieder und seitens Martin Broszats nahm es sich,
von bescheidenen Ansätzen abgesehen, des Problemkomplexes in einem
kleinen Sammelband erst im Jahre 1985 an.
Es ging seinerzeit darum, so der Herausgeber Wolfgang Benz in der Neuausgabe
von 1995, der von Vertriebenenfunktionären ausgegebenen Parole „Schlesien
bleibt unser“ entgegenzuwirken, mit der „die Bereitschaft
zum Anachronismus und Revanchismus in der Bundesrepublik öffentlich
erprobt werden sollte“. Hellmuth Auerbach entrüstete sich über
Publikationen aus dem Vertriebenenumfeld, die „mit Zahlenangaben
von mehreren Millionen Opfern jonglieren“, und die darin mitschwingende
Tendenz des „Aufrechnens“. Ungeachtet solcher Verwarnungen
erklärte unlängst der Vertreibungshistoriker Norman M. Naimark
vor der Historischen Kommission der SPD: „Im Fall der Vertreibung
der Deutschen ist es schwer zu bestimmen, wie viele Menschen in welcher
Phase der Deportationen starben. Manche starben noch in den Auffanglagern.
Die Schätzung von insgesamt zwei Millionen Toten scheint nicht übertrieben“
(FAZ vom 21. Januar 2004).
Der besondere Unmut des erwähnten IfZ-Autors galt der 1977 erstmals
in deutscher Ausgabe erschienenen und bald zum Standardwerk avancierenden
Arbeit von Alfred M. de Zayas über „Die Anglo-Amerikaner und
die Vertreibung der Deutschen“. Bei seinem Erscheinen hatte die
Süddeutsche Zeitung von einem Buch „von tiefem Ernst und bohrender
Gründlichkeit“ gesprochen, die Zeit eine „Beweisführung
von bestechender Präzision“ attestiert. Auerbach sprach dem
Buch des Uno-Völkerrechtlers de Zayas (Juris Doctor in Harvard, Dr.
phil. in Göttingen) schlicht die Seriosität ab, „weil
es eigentlich keine wissenschaftliche historische Darstellung, sondern
in seinem Kern eine Anklage gegen die Haltung der britischen und amerikanischen
Regierungschefs auf der Potsdamer Konferenz ist“.
Wie verfehlt derlei „wissenschaftliche“ Polemik sein kann,
zeigt die Lektüre von de Zayas’ Buch, das jetzt in überarbeiteter
Neuauflage erschienen ist, deren Grundaussage die Unteilbarkeit der Menschenrechte
und das Recht auf Heimat ist. Den Vorwurf des „Aufrechnens“
erklärt er für ein Argument totalitärer Färbung. De
Zayas führt einerseits Klage – nicht Anklage – über
die spätestens nach dem Abgang des Stalin-Widerparts Winston Churchills
am 25. Juli 1945 zu Nachgiebigkeit und Kompromissen neigenden Delegationen
der Westmächte. Der US-Außenminister James Francis Byrnes erkannte
bereits am 21. Juli die fehlende Zähigkeit der amerikanischen Delegation
„in der Frage der Oder-Neiße-Linie“. Am Ende wichen
US-Präsident Harry Truman, „den die schwierige Grenzfrage allmählich
ermüdete“, Byrnes, der neue britische Premier Clement Attlee
und sein Außenminister Ernest Bevin vor den Argumenten Stalins und
den Forderungen der polnischen Provisorischen Regierung zurück und
akzeptierten die von Stalin ins Spiel gebrachte westlichste Grenzlinie.
De Zayas beklagt die unter dem Eindruck der deutschen Verbrechen geschwächte
Sensibilität der westlichen Siegermächte für die Mißachtung
der eigenen, in der Atlantikcharta niedergelegten Maximen. Im Dezember
1944 kündigte Churchill im Unterhaus die Vertreibung von Millionen
Deutschen an, um für die Nachkriegsordnung in Europa „reinen
Tisch zu machen“. Dessen ungeachtet vertritt de Zayas die These,
die Briten und Amerikaner hätten niemals Vertreibungen in jenem Umfang
ins Auge gefaßt, wie sie dann wirklich stattfanden. So hält
de Zayas die von den Westmächten erwirkten Formulierungen in Artikel
XIII über die „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“
durchzuführende „Überführung deutscher Bevölkerungsteile“
sowie das „Ersuchen“ an die tschechoslowakische, polnische
und ungarische Regierung, die Ausweisungen vorerst einzustellen, für
mehr als bloße moralische Selbstbeschwichtigung. Dem steht die in
der Neuauflage nicht abgedruckte Notiz des Leiters der Deutschland-Abteilung
im Foreign Office entgegen. Im Hinblick auf Proteste kirchlicher Würdenträger
wie George Bell, Bischof von Chichester, sowie des Verlegers Victor Gollancz
notierte er am 8. September 1945: „So perhaps he (Attlee) will wish
to point out to the Bishops that the Germans have brought all this on
themselves and that, though we do not wish to leave ordinary considerations
of humanity out of account, there is really very little we can do about
it.“
Die andere Kernthese de Zayas’ ist für politisch korrekte Zeitgenossen
noch schwerer zu verkraften: Die Anglo-Amerikaner hätten unmittelbar
nach Potsdam und über Jahre den Artikel IX der Potsdamer Erklärung,
der „die früher deutschen Gebiete“ östlich der Oder-Neiße-Linie
„unter die Verwaltung des polnischen Staates“ stellte, aber
die Festlegung des Grenzverlaufs einem Friedensvertrags überantwortete,
stets „revisionistisch“ zugunsten Deutschlands interpretiert.
Bei George Bush senior hätte Kohl, der noch Anfang 1990 eine endgültige
Fixierung der deutschen Ostgrenze habe vermeiden wollen, durchaus Verständnis
gefunden.
Zur Oder-Neiße-Frage bietet das Kapitel „Vom De-Facto- zum
De-Jure-Verlust“ der Ostgebiete einen Überblick über die
politische Entwicklung sowie die normative Kraft des Faktischen bis zur
endgültigen Anerkennung im deutsch-polnischen Vertrag von 1990. Daß
dem vermeintlichen, geschichtsideologisch zugespitzten deutschen „Drang
nach Osten“ spätestens seit der Wiedergründung des polnischen
Staates 1918 ein „polnischer Drang nach Westen“ entsprach,
dessen führender Protagonist der die polnische Delegation in Versailles
vertretende Politiker Roman Dmowski war, gehört zu den unbequemen
historischen Fakten. Selbst in Fachkreisen dürfte wenig bekannt sein,
daß später die polnischen Obristen im Gefolge des Münchner
Abkommens darangingen, aus dem annektierten Gebiet um Teschen die dort
ansässigen tschechischen Bewohner in den Rumpfstaat Tschechoslowakei
abzuschieben. Zu der in die Geschichtsbücher eingegangenen Vorstellung
von der polnischen „Westverschiebung“ schreibt de Zayas: „Eigentlich
gab es keine Westverschiebung Polens, sondern eine westliche Expansion
Polens.“
Nicht minder provokativ wirken seine wohlbegründeten Thesen zur Vertreibung
(„Transfer“) der Sudetendeutschen, deren Schicksal dank frühen
britischen Einverständnisses mit Edward Benes schon lange vor der
Potsdamer Konferenz entschieden war. Wenn die Deutschen in Böhmen
und Mähren ihre Loyalität zum neuen Staat aufkündigten,
verhielten sie sich nicht anders als die Tschechen unter der K.u.k.-Monarchie.
De Zayas’ Fazit: „Die Nazi-Verbrechen waren nicht die Ursache
der Vertreibung. Sie wurden aber zur nachträglichen Rechtfertigung
instrumentalisiert.“
De Zayas eröffnet und schließt sein Buch mit versöhnlichen
Äußerungen aus dem Munde von Vertretern aller beteiligten Nationen.
Er verteidigt das Projekt eines „Zentrum gegen Vertreibungen“
in Berlin. In diesem Punkt dürfte das Buch von der Politik bereits
überholt sein. Dank der Querschüsse „ostdeutscher“
Pastoren und Politiker wie Markus Meckel und Wolfgang Thierse wird es
in der Bundeshauptstadt vermutlich ein solches Zentrum, in dem –
unvorstellbar – Deutsche als Opfer erscheinen könnten, nicht
geben. Die Sache wird womöglich in Breslau historisch aufbereitet.
Wer erinnert dann dort an die bittere Ironie der Geschichte, angefangen
von Churchills Spiel mit den drei Streichhölzern in Teheran, über
seine Mahnung in Jalta, „die polnische Gans nicht zu fett zu stopfen“,
bis zu seiner Ablehnung einer weiteren „Westverschiebung“
der Grenze von der Glatzer zur Görlitzer Neiße? Im Memorandum
des U.S. State Department vom 8. August 1945 heißt es: „Wenn
die britische Regierung nicht gewechselt hätte, hätten die Engländer
wahrscheinlich gar nicht zugestimmt.“
Alfred M. de Zayas: Die Nemesis von Potsdam. Die Anglo-Amerikaner und
die Vertreibung der Deutschen, 14. Ausgabe. Herbig Verlag, München
2005, 418 Seiten, gebunden, Abbildungen, 24,90 Euro
Herbert Ammon ist Historiker und lebt in Berlin. Er verfaßte die
Schrift „Die Vertreibung der Deutschen. Defizite der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“
(München 1999).
HERBERT AMMON
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